GEDICHTE

Dichterpein

Langsam krieg ichs klar :
Wenn mir
im Gespräch
die Worte fehlen,
kommen sie im Schreiben
oft zurück.
Doch manchmal
schaut mich das Papier – weiß –
so verlegen an,
und der Füllhalter
liegt unbeholfen, linkisch in der Hand …

Dann geh ich lieber doch spazieren.


Zweitens

Ist mein Leben nicht umsonst ?
Fehlt nicht noch was Großes ?
Etwas, was die Nachwelt
aufhorchen läßt –
vielleicht, daß ich
auf eignen Füßen steh
oder so …


Hör

du
nur genau hin
dann
wirst du
sie
hören

emsig tickend
schnurrend

die zahnräder
in den hirnen
der
anderen

wenn sie
dich
sehn
und denken :
– – –


Leben

Zurück den Blick gewandt,
spannt er die Flägel machtvoll aus
zu weitem Fluge

Wohin sein Tun ihn führt,
er weiß es nicht, noch ahnt er jetzt,
was wird

Eins aber weiß er, sei er Mensch, Adler oder Fisch – daß der Sinn seines Lebens nur darin besteht, gelebt zu werden. Wird er nicht alles sein und tun, wessen er fähig ist, vergeudet er ein Stück seines Lebens. Er wird Drachen töten, dem Gesang der Sirenen widerstehen, mit seinen Göttern ringen und so – Schritt um Schritt – einer von ihnen werden, sich seinem Olymp nähern : nicht als Bittsteller, nicht als verhärmter Bettler, reuiger Sünder – als Mensch-Fisch-Adler wird er gehen, ganz er, wissend um die Wunder der Schöpfung – deren eines er ist – und Schöpfer zugleich : eine Welt in seiner Phantasie …

Alles Leben hat nur den einen Sinn : bis zur Neige ausgekostet, erlitten, gelebt zu werden ; es ist die Schule, durch die die Kreatur zu ihrem Gott wird.


Stiller: Ewiger Traum

Durch tausend tote Tänzer treibt es mich hindurch,
ziellos vorbei an Menschentrauben.
Keiner spricht, und keiner schaut ;
versunken und in ihrer Welt verlorn,
verbrauchen sie ihr bißchen Kraft
zu sein.

Tausend lebende Bilder,
tausend Wachspuppen, zu Menschen kunstvoll geformt –
manche starr und steif,
andere beweglich, angetrieben
durch Uhrwerke, die nicht stillstehn,
führen sie ihren Tanz auf mit gezirkeltem Schritt :
nach festem Ritus
in alter Tradition
als Symbol des Ewigen –
erzählt jede Bewegung von Wahrheit :

WER
kennt die Zeichen ?


Wo bist du, rief das Nashorn und trat die Feldmaus tot

Du hast schon recht –
so nah an mich
lass ich Dich nicht heran.
Versuch, das zu verstehn :
Um mich herum
hab ich mich ausgebreitet,
damit man
mich betrachten
und verstehen kann.
Und dann kommst Du
und gehst dadurch
und zeigst auf dies und das :
„Das ist nicht gut !“

Merkst Du denn nicht,
wieviel Du
gehend
mit Deinem großen Fuß
zertrittst ?


Schwester

Als ich Dich bat, von Dir zu reden,
hast Du von mir erzählt
und meintest Dich.
Und als Du – später –
über mich zu reden hattest,
warst Du ganz anders.

Ich bin verwirrt, ich weiß es nicht :
Ist es die Ähnlichkeit
oder der Unterschied, der mich
ratlos macht ?


Kein Geschenk ?

Die freie Welt des Westens,
die seit Jahrhunderten
für die Zivilisation verantwortlich zeichnet,
hat sich endlich des Schenkens angenommen.

Sie hat ein System des Geschenke-Gebens
und -Empfangens entwickelt,
das in seiner Perfektion
und schematischen Ausgereiftheit
nicht einmal mehr
von den alten sizilianischen Traditionen
von Familienehre und Blutrache
erreicht wird.


Bin ich in ?

Die neue Modefarbe Gesichtsgrau
scheint mir nicht zu stehen ;

lieber lebe ich im Grün der Wälder
aus meinen Träumen …


Pfade der Menschwerdung

Ich seh sie vor mir,
seh sie neben mir, hinter mir :
Menschen, wie ich auf den Pfaden zum Ziel,
die Götter suchend.

Einige – gestern noch vorn –
hab ich hinter mir gelassen,
von anderen weiß ich nicht :
sind sie noch vor mir
oder schon abgeschlagen ?

Es waren früher mehr,
die ich sah ;
es sind wenige geworden
und keiner auf meinem Weg.


liebe

dich hat der mond verklärt
der reisende der nacht
hats haar mit silber dir gesalbt
und dich beschenkt
mit weihrauch der aus kühlen wiesen steigt
und wieder fällt als tau

dich hat der sonne erster früher strahl
mit leichtem gold gekrönt
voll frischem duft
hat auch der neue tag sich dir geschenkt
erwacht nicht alles leben nur
um deine schönheit zu besingen
die doch selbst wie die morgensonne ist

des mittags glut
sie taucht die welt in gold um dich zu ehren
der abend läßt die luft erzittern
von düften schwer
die nur für dich verströmt
dann kommt die nacht
und breitet über dich ihr festgewand
verziert mit sternenmustern
auf sammetweichem grund
so schön

und ich
steh da mit leeren händen hab doch nur mich zu geben
und kann das kaum

ich liebe dich


heimweh

wie fehlt mir doch der nachtwald
kobolde flüsternde dämonen
wo seid ihr
schatten von riesen trollen
die mir den weg versperrten
um rat zu geben
wo seid ihr
meuchelmörder mit blutenden messern
aus jedem busch mir
angst und weisheit
in die haut schneidend
wo seid ihr
ihr tausend tode die ich starb
mit jedem etwas ruhiger werdend
wo seid ihr
ihr fehlt mir so


heimweh 2

wenn ich die vögel fallen seh
tot von entlaubten bäumen
gestern noch
haben sie
mich
geliebt
wenn städte sich in staub auflösen
die ich bewohnt

wenn ich mich selbst verlier
und such
nach meinem weg
er war
so
klar

weht ihr mich an aus alten blättern
worte aus alter zeit
und sagt
es ist nicht
zu ende


November naht

War ich nicht David, Goliath zugleich,
und hab ich nicht mich selbst
mit manchem Stein
erlegt,
wohl wissend
meine Unsterblichkeit ?

Phönix war ich da,
entzündete die Feuer selbst,
mich zu zerstören
neu
zu schaffen …

Mein Gott war die Katze
mit ihren neun Leben.
Nun
hab ich das letzte angebrochen.


zwischen wellen liegt ein tal

tage verlacht
verredet
verschwärmt
und eines tages
leer

Eines Menschen Zeit besteht zu neun Zehnteln aus Warten. Warten auf
bessere Zeiten
schlechtere Zeiten,
Gesellschaft,
Einsamkeit,
Freunde,
Feinde.

Eines Menschen Zeit besteht nicht sehr.

und langsam
wird man
angefüllt
sehr
langsam
kommen sie
zurück
gedanken ideen WORTE
und es geht
von vorne –
man LACHT wieder
bis


Gute Nacht, Und Zähne Putzen

haben sie eigentlich heute schon
ihre meinung gewaschen.
oder denkt man
gar nicht mehr.
wir von der CMM – der christlichen meinungs mache –
wir sorgen für den sauberen gedanken.
einfach, klar, simpel und
dumm – also sauber, das ist unsere
devise. im
schwachsinn liegt die
qualität.
denken sie nicht –
lassen sie denken.
wir
denken, das ist
das beste.
für uns.


liebe 2

frage mich
nach deinen augen
und ich will dir erzählen
von den sternen
will berichten
von füchsen und rehen
von lilien und rosen

frage mich
und ich will dir
meinen himmel deine augen zeigen

oder ich werde es
wenigstens denken
wenn mein mund
sich
nicht traut


Mein Hohelied der Liebe

Meine Liebe
war ein abgestorbner Ast, über den
ich stolperte.
Du ließest ihn neu wurzeln,
und heute ist er eine dreißigjährge Eiche
mit einer grünbelaubten Krone,
in der die Spatzen hausen
und Amseln
und ne Nachtigall.
Von ihren Früchten leben Eichhörnchen und Rehe,
und zwischen ihren Wurzeln wächst seidigweiches Gras
und Waldmeister.

Meine Liebe
war mir ein Stein im Magen, an dem
ich schluckte.
Jetzt hab ich Dir ein Haus damit gebaut
aus Stein und Holz,
das auch Jahrhunderte wohl übersteht.
In ihm sind viele Zimmer, groß und klein,
doch alle hell und freundlich,
mit großen Fenstern, warmen Öfen,
die Wände bunt bemalt.
Ne große Küche gibts und viele Kinderzimmer,
fürn Winter einen riesigen Kamin
und große Betten.

Tritt immer ein ins Haus – an seiner Tür
das Schild trägt Deinen Namen,
und Deine Kleider sind schon eingeräumt in seine Schränke.
Tritt ein
und wohn ein Leben lang
im Haus, das
meine Liebe ist.


liebe 3

was mag das sein

wieder und wieder nachts erwachen
weil meine wangen sich
an deinen hals erinnern
wie oft
haben die lippen
kaffeekannendeckel heimgesucht
weil ihnen
dein mund einfiel
über kirchenbänke
streichen meine hände gedenken
deines bauches deiner brüste
ein schläfriger finger
krümmt sich im wasser
träumt von deiner scheide

mitten auf der straße muss ich
stehenbleiben
kann nicht mehr laufen
höre deine stimme rieche dich
ganz schwach
sehe fühle
nur noch
dich

ich liebe dich


vorletztes

was ist wichtig
der mensch oder

seine gedanken sein wissen seine werte und
gefühle sein gestern seine liebe seine worte

was ist wichtig
der mensch oder
was ihn zu einem menschen macht

Alles, sage ich, alles ich wichtig genug, gesehen zu werden, bedacht und geglaubt. Sprich: So ist das, sag es und nicke zu diesem Menschen, ändere ihn nicht: er wird es selbst tun. Und bedenke: ändert sich ein Teil des Menschen, ändert sich mit ihm der ganze Mensch. Bedenke dies und lebe mit ihm.


Wie konnte es geschehen?

Plötzlich
aber unbemerkt
verlor ich
mich zu sehr beachtend
dich
aus den augen

Von dir mehr
rücksicht fordernd
gab ich dir
weniger

Warum hat die liebe nicht
geschrieen
warum
hab ich nicht gehört
was du nicht sagst
nur fühlst

Ich schäme mich

Lass mich
dich suchen wieder wie zuvor
zeig mir den weg
zu deinem haus
zu dir
noch
ein
mal
denn:

Ich lieb dich doch


Liebe 4

Vorgestern
liebte ich dich

Gestern
liebte ich dich
mehr

Heute
liebe ich dich mehr
als gestern

Wie kann
was ich vorgestern
fühlte liebe sein

wenn es
kein
stärkeres wort
gibt
für das
was heute
in mir
tobt


Lauf ich durch die Stadt –

zum broterwerb
im kopf nur trübes
endzeitdenken
verdichten sich zwei nebel
plötzlich zur wolkenbannk
tie trübe reißt
die sonne blinzelt
und ein gedanke bildet sich

Mach ich hier an der spüle
mit nassen händen
monotonie im hirn dumpf tröpfelnd
doch da
mitten im moor
entsteht ein klarer see
ich schau hinein
und seh das bild

Am ende angelangt
steh ich vor dieser wand – so hoch
es ist vorbei und
weiter
geht nichts mehr
doch während ich
noch aufgeb springt eine türe auf
und du bist da
um mich zu führen


Liebe 5

mal meinen Arm um deinen Rücken legen
auf deiner Taille meine Hand
im Laufen fühlen wie du dich bewegst
in deine Augen sehn an Rehe denken
mit beiden Händen dann in deinen Haaren spielen
und deinen Mund besehn
betasten
schmecken
den Sommer sehn in deinem Gang
und deine Hand in meine nehmen sie wiegen
dieser Kühle folgen
den Kopf ganz tief in deine Haare stecken
und nach den Nestern suchen
wo Fink und Nachtigall sich liebten
und alles andre ganz vergessen
die Nacht und dann den ganzen Tag
auf dich zu warten
ist nicht so schwer solang ich weiß
du hast mich lieb


Am Tag bevor du kommst

Aus meinem glashaus werfe ich
mein steinherz
auf die straße die mit gold gepflastert ist
drei kreuze reiß ich aus dem harmageddon
auf golgatha pflanz ich den waldmeister
und lilien
und sing das hohelied
und liebe dich


Sprecht die alten Worte

Wenn ich auch Ohren hab zum Hören,
bin ich doch taub
sobald ich Dich nicht hör.

Und hab ich Augen auch zum Sehen,
seh ich doch nichts,
wenn ich nicht Dich auch seh.

Und wenn mein Kopf sich nicht
mit Dir beschäftigt,
so tut er nichts;
und klopft mein Herz
nicht Dir entgegen,
so bleibt es stehn.

Kurzum –
wenn ich nicht
Deine Gegenwart hier spür,
dan spür ich nichts
und bin allein
und tot

Ich liebe Dich


So schwer

Ist das atmen
wenn die luft
gegangen ist
ist das blut
auf urlaub
kann das herz
nicht mehr
wie kann ich bleiben
wenn meine seele
hausbesuche macht
und mein leben
mitgeht
komm zurück


Geduld

War wirst du tun
wenn deine geliebte
bilder malt und
nach ihren augen fragt
und nicht weiß
von deiner liebe
was wirst du tun
such dir ein holz
zum beißen
du fühlst
den hunger
dann
nicht mehr


Fliegen

wie sehn ich mich nach innenwelt
wohin man kommt im freien fall wer ist schon frei –
dort will ich leben
und gleitend in der luft hoch über erde schweben
wie schon so oft – im traum
die tore sind jedoch versperrt
und flammenschwert vernunft und wächter wehmut
bannen mich zurück
so dass des alltags wache schwere mich tief unten hält
und langsam in den morast drückt

ach wunderbare leichtigkeit von der ich träume


Morgen

Jeder Morgen das Gleiche:
Der Verstand ist wach,
die Seele schläft noch.

Dann: langsames Auftauen
von Eis, jetzt
ist alles wieder da:

Der Tag beginnt zu trauern.


Manche Woche

war eine lange zeit
dieser sonntag aber
war wohl zu lang
als dass ich wartend
ihn hätte überstehen können

alle tausend tode sterbend
habe ich
eines
meiner neun leben
verloren


Ruhiger Tag, ein Fuß in den Wolken

Wenn leise kichernd
Flieder sich zu mir hinunter neigt;
wenn ein paar Astern
selig lächelnd meiner spotten;
wenn Sonn und Mond sich Arm in Arm
vergnügen miteinander ohne mich zu sehn;
und wenn der Wind versucht,
mir meinen Ohrring heimlich zu entreißen –

dann ist mein Weg
aus rosaroten Schäfchenwolken weich geformt;
aus jedem Glashaus fliegen Herzen
auf die Straße, die mit Gold gepflastert ist;
und morgens, mittags, abends
läuten Glocken’s Sabbatjahr mir ein.

Dann bin ich wieder mal
zum Grund der Menschlichkeit emporgestoßen;
die kalte Einsamkeit in nächtlichen Gebirgen
hab ich weit unter mir zurückgelassen –

ich liebe


Ich

Ich bin
der Mann auf der Laterne
Ich werfe aus mein Rufen
und sammle die Antwort
wie ich kann

Ich bin
das Insekt auf der Nadel
Ich warte auf die Erlösung
und verliere meine Farben
an das Licht

Ich bin
der falsche Stein in der Wand
Ich hinterlasse Lücken wo ich bin
und fehle

Ich bin
der Letzte meiner Art
wie auch der Erste

Ich rufe
ich bin


Spät

spät abends, wenn es stille wird,
wenn alles schläft,
dann kann ich endlich ausatmen,
die müden glieder entspannen
und ganz, ganz langsam
den druck entweichen lassen.
dann hock ich mich aufs bett,
setz den kopfhörer auf, sperr die welt aus
und fülle mich neu mit musik.
ich seh die tänzer, erleb die träume,
fühl die kehle vibrieren im gesang.
saiten klingen, hörner erschallen,
ich bin ein orchester mit chor,
ich bin die musik der welt.

und wenn ich weiter höre,
dann füllt der klang mich ganz aus,
schlägt über mir zusammen –

ich bin ein planet
und ziehe hinaus in ein weltall voll musik

ich bin wieder eingeschlafen,
lieder im ohr…


jetzt

von zeit zu zeit
hol ich mal luft
versuch
mich zu besinnen

jedoch
in dieser
so verrückten
zeit
drängt sich
das morgen
schon ins gestern

da bleibt
kein
platz
für jetzt


A DAY IN THE LIFE

Ich hörte
und sah sie kommen:
die Flieger, unter deren Flügeln
millionenfacher Tod sich lauernd duckt –
fast blieb das Herz mir stehn.

Doch sah ich die Bomben nicht fallen;
mir war noch ein Tag
geschenkt.

In der Nacht darauf
träumte ich schwer:
Über den Alpen
sah ich Lichter fallen
und Wetterleuchten hinterm Berg,
der Boden bebte;
ich wusste: Es war Krieg.
Voll Grauen, in Ohnmacht erstarrt
– denn er würde auch zu uns herüber ziehen –
sah ich aus dem Fenster
und wartete,
dass die Bomben
zu mir kämen –

und immer, wenn ich erwachte
und wieder einschlief,
war der Traum wieder da,
und das Grauen
ließ mich nicht…


AN EUCH

Eurer Fürsorge bedarf ich nicht
in den Tagen der Ruhe,
in der Zeit des Wartens.

NEIN:
wenn ich in jauchzender Verzweiflung
auf dem  Drahtseil tanze
und lachend meine Tränen in die Menge werfe,
wenn Trübsal fröhlich mich umfängt
und in die Gosse schwemmt,
dann sehn ich mich
nach dem,
der mir die Hand auflegt
und Ruhe spricht.


ALB

Zwischen den Ufern stand ich – weinend:
ich hatte den Weg verloren.
In meiner Angst vergaß ich zu gehen
und ertrank


ANGST VOR IRGENDWANN

Meine Seele
eingesponnen gekapselt
ein Kokon im Magen.

Wenn er aufbricht:
Schmetterlinge
oder Lindwürmer?


Sehnen

Zurückgeworfen auf mich selbst
suche ich immer noch
den Weg
zu Euch


GESTERN

sieh
der herbst ist nah
die wasser sammeln sich
in wolkenbergen

die sommersänger fliehn
die welt legt ihren schmuck
nun ab
zum sterben
den bäumen reißt der wind
das kleid vom leib
das gras verfault
und alles leben wird ersäuft
in schlammigbraunen pfützen

ich dacht
der frühling war noch nicht vorbei
kein sommer hier zu sehn
doch sieh
der herbst ist nah
man rüstet sich
zum winter


DAS IST EINE VERFAHRENE KISTE,
UND ES WIRD LANGSAM ZEIT,
DASS MAL EINER’N TAXI RUFT.

Am Abend sitz ich dann herum
mit all den ungesagten Dingern,
die mir in den Kopf reinkrabbeln;
die Gefühlskiste
steht da offen rum,
dass ich gleich wieder reinfall
und mir die Tränensäcke aufschlag.

Die Hände zittern (aber nicht von viel Kaffee);
der Kloß im Hals (er würgt!)
ist doch kein Essensrest,
und die Augen sind nicht naß,
weil’s wo reinregnet.

Und wenn ich dann versuch,
vom Tag Bilanz zu ziehn,
merk ich, dass schon alles aufgefressen ist
von diesen ungesagten Dingern,
und ich lieg schon wieder
mit fließend kaltem Augenwasser
in der  Gefühlskiste,

und der Deckel
fällt zu


Bei dieser Musik vom Sommer

Da
öffnet sich das Gesterntor,
und der Nachhall alter Worte –
Worte, die (verloren längst geglaubt)
vor Jahren mal bedeutend waren –
schlägt blind und wie verirrt
von Wand zu Wand,
zersplittert, jedes Sinns beraubt,
berührt die Saiten der Erinnerung,
lässt klingend alte Lieder neu entstehn
und alte Wunden bluten…


Wo seid ihr

wie fehlt mir doch der nachtwald
kobolde flüsternde dämonen
wo weid ihr
schatten von riesen trollen
die mir den weg versperrten
um rat zu geben
wo seid ihr
meuchelmörder mit blutenden messern
aus jedem busch mir
angst und weisheit
in die haut schneidend
wo seid ihr
ihr tausend tode die ich starb
mit jedem etwas ruhiger werdend
wo seid ihr
ihr fehlt mir so