Am Abend nach der Amokfahrt in Nizza

Vierundachzig Tote, davon viele Kinder; noch über 50 Schwerverletzte, von denen ein Teil auch noch sterben wird…

Ein Mann, der zum Massenmörder wurde und einfach über Menschen fuhr…

Eine Sondersendung, in der man einen „Islam-Wissenschaftler“ und „Terrorismus-Experten“ befragt…

… Und natürlich alle möglichen Stimmen, die davon reden, dass natürlich auch Deutschland gefährdet ist – auch Deutschland, das Land, in dem „Terroristen“ nicht in der Lage sind, eine funktionsfähige Bombe zu bauen, das Land, in dem andere Terroristen in einem Stadion angeblich eine Bombenattrappe verstecken. Jedes Mal, wenn irgendwo in Europa Terrorismus zuschlägt, wird davor gewarnt, dass auch Deutschland im Visier der Terroristen steht.

Ich glaube, einige Kräfte in Deutschland hätten das gerne, dass mal irgendwo hier eine Bombe hochgeht, damit man mal endlich eine ordentliche Begründung hat, die Überwachung der Bürger durch den Staat zu verschärfen. Ich frage mich, warum. Eigentlich kann es ja nur zwei Gründe geben:

  1. Diese Überwachungsgeschichte ist eine Supermöglichkeit, Geld zu machen.
  2. Jemand hat Angst. Und zwar nicht vor Terroristen, sondern vor normalen Leuten.

Wie es momentan aussieht, passen wohl beide Motive. Aber über Punkt 2 müsste man noch etwas genauer nachdenken. Un da stellemer uns mal janz dumm: Wat issene Terrorist un wat iss der Terrorismus?

Nun ja, ist ja ganz einfach: Der Terrorismus ist die Gesamtheit der Terroristen und ihrer Helfer bzw. das, was sie ausüben, und ein Terrorist ist jemand, der… Ääähh…

Das ist der Punkt, an dem ich scheitere.

Klar, ich kann auf Geschehnisse verweisen, die eigentlich die Rolle von Terroristen beispielhaft beschreiben: Das Geschehen in der Redaktion von Charlie Hebdo, das Geschehen im Bataclan, Anschläge in Istanbul etc. Aber die Absichten der Terroristen, ihre Ziele, ihr Werdegang, das alles bleibt komplett im Dunkeln. Wir beschränken uns auf die Feststellung, dass diese Leute Tod, Angst und Schrecken verbreiten, dass sie Terror verbreiten, dass sie also Terroristen sind. Und die muss man bekämpfen.

HALT! Um Gottes Willen: Halt!

Sie bekämpfen uns. Ok. Das ist wohl ein Fakt. Deshalb bezeichnen wir sie als Terroristen. Was sind wir, wenn wir sie bekämpfen? Wir verteidigen uns doch nur…?

Ich habe noch die Bilder aus Belgien vor Augen aus dem Stadtteil Molenbeek in Brüssel. Die Polizei hat die Terroristen gesucht, die das Attentat auf das Bataclan verübt und überlebt hatten. Wäre ich Einwohner des Viertels gewesen, spräche ich heute wohl eher von einem Überfall der Staatsmacht auf das Viertel, und wahrscheinlich wäre ich auch bereit, die Polizisten, die damals gut geschützt und mit Maschinenpistolen bewaffnet anrückten und sich stundenlange Feuergefechte mit den Gesuchten lieferten, auch mit den Terroristen in einen Topf zu werfen. Man überlege: Das Haus, in dem die Terroristen saßen, war hinterher abbruchreif!

Man kann die meisten Dinge aus mehr als einem Blickwinkel sehen, und manchmal werden Leute, die eigentlich diametral zueinander stehen, die Front bilden gegeneinander, von der Seite gesehen einander verblüffend ähnlich – in Aussehen und Intention. Das sollte uns zu denken geben: Wenn man Terroristen bekämpft und das mit denselben Waffen, die auch die Terroristen benutzen – Maschinenpistolen, Granaten, Angst, Schrecken -, ist man dann am Ende selbst Terrorist?

Nein, nein; der Zweck ist doch ein ganz anderer: Die Polizei will die Bürger schützen…

Indem sie Angst und Schrecken verbreitet? Wie trennt die Polizei die Bürger, die sie schützen will, von denen, die sie verfolgen will? Und ist sie da immer auch nur einigermaßen trennsicher?

Was klar ist: Ich bin nicht automatisch ein „Guter“, wenn ich auf die „Bösen“ einprügle. Prügeln ist Prügeln; es gibt absolut keinen Zweck, der die falschen Mittel heiligt. Im Gegenteil: Falsche Mittel können einen Zweck oder ein Ziel vollständig wertlos machen.

Worauf ich jenseits von meiner eigenen Unsicherheit über unsere Rollen in diesen Dramen eigentlich hinaus will: Dass man Terroristen bekämpft, wenn sie aktiv werden und uns töten wollen – klar, ich kann’s verstehen. Das wird sehr plötzlich sehr persönlich, wenn rings um mich Leute sterben und im Sterben schreien, und jedes abgehobene Nachdenken ist dann wie weggeblasen und völlig wertlos.

Aber dennoch: dieses Terroristen-Bekämpfen – ändert das irgendetwas? Können wir damit rechnen, dass irgendwann der letzte kommt, erschossen wird, und aus iss? Nein; Terroristen sind ein nachwachsender Rohstoff. Das ist also kein gangbarer Weg — oder es ist nur dann ein gangbarer Weg, wenn ich Terroristen brauche, vielleicht um von mir abzulenken, davon abzulenken, dass ich Jahr für Jahr einen weiteren Teil des – durchaus begrenzten – Reichtums dieser Erde an mich binde und zu meinem Eigentum mache und ihn damit den anderen Menschen entziehe. Ich will da jetzt gar nicht meinen paranoiden Phantasien freien Lauf lassen; das ist Stoff für einen anderen Artikel.

Aber wenn ich andererseits wirklich daran interessiert bin, dass Terrorismus aufhört, dass alle Menschen mich einbezogen die Chance bekommen, in Frieden zu leben, ohne an Hunger zu sterben, –

– dann müsste ich wohl endlich damit anfangen, den Terrorismus statt der Terroristen zu bekämpfen.

Terrorismus bekämpfen kann man wohl, indem man seine Wurzeln bekämpft, seine Ursachen. Als da wären: Hunger, Armut, Perspektivlosigkeit, Ohnmacht – fehlt noch etwas? Ich vervollständige die Liste gerne. Die vier sollten aber wohl die hauptsächlichen Ursachen sein.

Hunger und Armut sind direkt Folge und Ausdruck der sehr ungleichmäßigen Verteilung des Reichtums auf der Welt auf ihre Bevölkerung. Selbst in der Bundesrepublik ist Besitztum sehr ungleichmäßig verteilt: 50% des Wohlstands dieser Republik verteilen sich auf 10% seiner Einwohner, 25% sogar auf nur 1% der Deutschen. Und die Schere klafft Jahr für Jahr weiter auseinander, auch durch gesetzgebendes Handeln von Politikern, die ernsthaft daran arbeiten, ihre Klientel reicher zu machen und den Rest ärmer.

Perspektivlosigkeit, Ohnmacht – das lässt sich auch hier bei uns wunderbar studieren. Kümmert sich jemand mit politischem Einfluss ernsthaft darum, Jugendlichen aus den ärmeren Schichten eine Chance auf Zukunft zu geben? Lieber nennt man sie „nicht bildungsfähig“ und gibt ihnen selbst die Schuld.
Man könnte bequem, ohne jemandem sonderlich weh zu tun, die sehr Reichen ein wenig besteuern und das Geld nutzen, um Zukunft zu schaffen für die Kinder der Armen. Das brächte Ertrag! Und, meine lieben Sehr-Wohlhabenden, erzählt mir nicht, Euer Reichtum sei hart und ehrlich verdient, und wer reich werden wolle, müsse halt einfach dafür arbeiten, und wer nicht reich sei, arbeite halt nicht genug. Zu Leuten, die so etwas von sich geben, finde ich nur den „Komplettes Arschloch“-Orden am Band.

Deutschland ist nun im Vergleich mit dem Rest der Welt ein stinkereiches Land; in anderen Ländern – auf dem afrikanischen Kontinent, in Südamerika, in Teilen Asiens – ist das wenige Geld noch extremer verteilt. Ich habe zu wenig Detailkenntnis – seien wir ehrlich: gar keine! – was ich höre und sehe, reicht mir aber, um eine Vorstellung zu bekommen über den Humus, der Terrorismus gedeihen lässt.

Also, liebe Leute, pack’mers! Wenn wir nicht wollen, dass der Asiate oder der Afrikaner uns eines Tages überrennt, unsere Frauen raubt und unsere Kühe vergewaltigt – oder wie war das noch? Egal -, sollten wir jetzt anfangen, Geld über alle Kontinente zu verteilen und überall dazu zu helfen, dass normale Menschen Chancen auf ein normales Leben haben und dass alle einen Einfluss haben auf das Schicksal ihres Landes und seiner Bevölkerung. Ich bin sicher, dass der arme Terrorismus dann verhungert.

Ich schreibe dieses Pamphlet am Abend nach der Amokfahrt in Nizza, am Ende eines arbeitsreichen und anstrengenden Tages; verzeiht also bitte, dass der Text vieles an Stringenz und Konsistenz vermissen lässt. Gute Nacht – und träumt etwas Schönes…

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