Wissenschaft und Religion

Die beiden Begriffe werden zumeist als Gegensatz gesehen:

  • Wissenschaft als objektive Darstellung der Realität und
  • Religion als zumeist (außer von Fundamentalisten) rein subjektive Beschreibung der „Wirklichkeit über den Wirklichkeiten“, des Absoluten“ etcetera peh peh.

Seit es wissenschaftliches Forschen gibt, besteht diese Rivalität. Und sie ist wissenschaftlich gesehen völliger Quatsch.

Lest Euch den letzten Satz ruhig noch einmal in Ruhe durch; er enthält einen wunderbaren Gegensatz, der uns tagein, tagaus von Wissenschaftlern mit souveräner Selbstverständlichkeit präsentiert bzw. um die Ohren gehauen wird: „wissenschaftlich“ und „Quatsch“ zusammen in einem einfachen Satz! Ein erstes Indiz dafür, dass Wissenschaft, da von Menschen betrieben, nicht objektiv sein kann. Oder ist „Quatsch“ irgendetwas objektives? An irgendeinem Punkt hat der Wissenschaftler die Ebene wissenschaftlichen Arbeitens verlassen und eine Überzeugung gewonnen, die er mit Zähnen und Krallen verteidigt: Er ist in die Welt des Glaubens, der Religion eingetreten. Autsch!

Ein ernsthafter Wissenschaftler, der immer noch auf der Sachebene arbeitet und argumentiert, wird dagegen halten, es sei halt nur ein Mensch, der da ein wenig von der Spur gekommen ist, und das passiere halt. Und er wird weiterhin anmerken: Wissenschaft handle nicht mit Wahrheiten; Wissenschaft entwerfe Modelle der Realität, die dieser in einem gewissen Bereich so weit entsprechen – d.h. einigermaßen dasselbe Verhalten unter denselben Bedingungen wie die Realität zeigen -, dass man mit ihnen arbeiten und sie für Forschung und Entwicklung nutzen kann. Keinesfalls dürften diese Modelle mit der Wirklichkeit verwechselt werden!

Im Klartext: Wissenschaft erklärt uns halt nicht, wie die Welt beschaffen ist und warum; Wissenschaft sucht nur nach Wegen, die tägliche Realität in Grenzen vorhersehbar und berechenbar zu machen. Weil aber Wissenschaftler normalerweise Menschen sind – vielleicht sind auch ein paar Außerirdische dabei aus der Tiefe des Raums -, wünschen sie sich manchmal, Wahrheiten zu finden und zu verkünden. Und werden – Abra Kadabra – zu religiösen Fundamentalisten, zu Hohepriestern der Religion „Wissenschaft“.

Das ist die eine Seite – die der Wissenschaft.

Auf der Seite der Religion gibt es seit Längerem eine Entwicklung in die andere Richtung: man versucht, bei der „Suche nach der Wahrheit“ mit wissenschaftlichen Methoden Erkenntnis zu gewinnen. Da Religion und Religiosität keine physikalischen Phänomene sind, geht das nicht so simpel vonstatten wie bei den Naturwissenschaften; man muss Psychologie, Soziologie, Linguistik, Historik und Archäologie benutzen und auf Artefakte und Erzählungen der Religionen anwenden. Es scheint da wohl grundsätzlich zwei Strömungen zugeben: die vergleichende Religionswissenschaft, die sich im Prinzip mit allen Religionen beschäftigt, und die Theologie, die es in römisch-katholisch, islamisch, evangelisch etc. gibt.

Je nun, auch in der Theologie gibt es einen stetigen und erfreulichen Zuwachs an Erkenntnis; man ist von Zeit zu Zeit gezwungen, kirchliche Positionen und ihre Fundamente neu zu bedenken und von alten Lehrmeinungen abzurücken (z. B. Vom Kirchengründungsmythos in Matthäus 16,18: …Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen … Es spricht einiges dafür, dass dieser Vers kein Wort Jesu ist, sondern nachträglich zugefügt wurde, wohl als Legitimation der Kirche als göttlicher Institution). Das geht nicht zügig, vernunftgesteuert, sondern immer gegen erhebliche innere Widerstände. Aber der Prozess macht jenseits immer wieder vorkommender Rückschritte und Rückschläge doch Hoffnung: dass Kirche in der Welt ankommt und ihr bis dato doch noch recht zügelloses Machtstreben zähmt und in den Dienst der Mitmenschlichkeit stellt. Es ist meine wissenschaftliche Überzeugung, dass das kein Quatsch ist.

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