Kapitalismus oder so

Gleich vorweg: Ich habe weder Betriebs- noch Volkswirtschaft studiert, sondern Elektrotechnik, und ich habe auch sonst keine nennenswerte wirtschaftliche Bildung genossen. Es geht mir auch nicht um Systeme; „Kapitalismus“ ist einfach so ein schön griffiges Wort und eine Sache, die man ja für alles verantwortlich machen kann. „Kapitalismus!“ sage ich in den letzten Monaten dauernd griesgrämig und meine damit: „Die Leute toben sich so richtig kapitalistisch aus!“

Ich habe mir erst seit ein paar Monaten ernsthaft Gedanken zum Thema gemacht. Und was ich meine, wenn ich „Kapitalismus“ brumme, ist eigentlich eine ganz andere Geschichte, und zwar die Verschiebung der Ziele, der Absichten.

Ein ziemlich einfaches Beispiel:

Im Jahr 1852 kauft ein 40-jähriger Mann einen Schrank. Er bekommt ein Ding aus Eiche; Kiefer oder Fichte wären nicht geeignet, weil die sich verzögen und keine 100 Jahre hielten. Er bezahlt richtig viel Geld dafür – es tut ihm weh, wenn er nicht reich ist -, aber er kann damit rechnen, dass seine Urenkel (so er welche hat) den Schrank immer noch benutzen, vielleicht mit neuem Anstrich und neuen Schnitzereien oder anderen kleineren Änderungen.

Es gibt solche Schränke noch heute, mittlerweile wieder heftig begehrt, weil antiquarisch oder gar historisch. Heute kaufe ich aber einen Schrank, vielleicht auch richtig teuer, aber nicht mehr für eine Lebensdauer von 150 Jahren ausgelegt. Heute beträgt selbst die geplante Lebenszeit eines Wohn-Halbhauses nur 30 Jahre! Den Schrank kann man nach spätestens 8 Jahren – oft schon nach 5 Jahren – wegwerfen, weil Verbindungsstellen und Scharniere ausgerissen sind, weil das Holz nur Spanholz ist.

Solche Geschichten werden dutzendweise und immer wieder erzählt, und alle denken an die Gute Alte Zeit, in der man noch alles für die Ewigkeit baute und alles vererben konnte. Das ist aber nicht der Kern, glaube ich. Der Kern liegt meiner Meinung nach eher dort:

Der Schreiner, der den Schrank 1852 gebaut hat, hatte nicht viel andere Möglichkeiten als gute Eiche zu nehmen. Kiefer und Fichte waren zu astig und zu harzig und verzogen sich tatsächlich nach einiger Zeit. Der Kunde hätte reklamiert und wäre bestimmt nicht wiedergekommen; er und/oder seine Nachkommen hätten sich mit Sicherheit in ihrem Bekanntenkreis darüber ausgelassen, wie schlecht das Möbel gebaut war. Der Schreiner hätte sich seinen Ruf oder den seiner Erben ruiniert, u. A. weil man das Möbel auch nach 100 Jahren mit seiner Werkstatt in Vebindung bringen würde.

Heute ist „der Schreiner“ höchstwahrscheinlich eine Möbelfabrik, die ihre Waren an Händler liefert, die noch 15 andere Möbelfabriken im Sortiment haben, der größere Teil davon unbekannt, weil sie im Auftrag irgendwelcher dritter Firmen Großserien herstellen. Sprich: Hersteller und Endverbraucher haben nichts mehr miteinander zu tun, sie kennen einander nicht. Der Hersteller ruiniert seinen Ruf nicht mehr, wenn er schlechtes Spanholz verarbeitet, wenn er Kunststoff- statt Echtholzfurnier benutzt, wenn er an allen Ecken und Kanten spart, um die Herstellungskosten zu drücken. Wir Endverbraucher wiederum können kaum noch Qualität erkennen, weil der Holzeffekt auf der Kunststoffbeschichtung echt wirkt und alle Holzkanten sauber damit beklebt sind. Wenn wir Pech haben, sieht der Schrank wirklich wie aus Eiche aus, und wir könnten ihn von einem echten Eichenschrank nur durch den Geruch unterscheiden – den es vielleicht auch schon als Aerosol für solche Zwecke gibt.

Das Hauptziel des Schreiners 1852 war, gute Schränke zu bauen, damit die Leute seine Schränke kauften, damit seine Kasse stimmte, damit seine Familie Einkommen hatte.Er hatte keine andere Möglichkeit. Und er hatte vielleicht auch Abneigung, Leute zu bescheißen, denen er auf dem Wochenmarkt begegnen könnte.

Die Möbelfabrik heute muss nicht wirklich auf Qualität achten. Vielleicht hat die Firma gewisse Ansprüche, in deren Namen die Möbel zu guter Letzt verkauft werden; die werden sich aber eher auf äußerliche Attribute beziehen. Ansonsten hat die Möbelfabrik die Möglichkeit, ihr Einkommen zu erhöhen, indem sie die Qualität der hergestellten Möbel reduziert. Das ist ziemlich genau das Gegenteil der Möglichkeiten, die man 1850 hatte.

Das Kernproblem kann ich also schlecht unter dem Begriff Kapitalismus finden; es scheint eher die Anonymisierung zu sein und die Trennung von Markeninhaber, Hersteller, Händler und Kunde.

Die Folge ist: Leute werden reicher, indem sie Dinge schlechter machen als bisher. Manchmal fühlen sich die Dinge sogar besser an durch die Verschlechterung, z. B. Shampoos, denen man kleine Plastikkügelchen zusetzt, damit sie milchig und cremig wirken. Sie sind aber dennoch schlechter. Und warum passiert das? Geld ist zum Gradmesser des Erfolgs geworden: Ein Schreiner genießt heute gesellschaftliches Ansehen, nicht, wenn er sehr hochwertige Möbel baut, sondern wenn er viel Geld hat. Und er kann sein Ansehen noch erhöhen, wenn er Geld investiert, um sich Einfluss zu verschaffen. Die Ziele haben sich verschoben! Menschen werden nicht Arzt, weil sie die Vorstellung besonders reizt, anderen Menschen Gutes zu tun, sondern wegen des Geldes. Ok, nicht alle, aber wenn ich mich so umhöre, scheint der Prozentsatz erschreckend hoch. Und so geht es durch alle Berufe. Menschen, die Berufe ergreifen, in denen sie nicht reich werden können, werden eher als Versager eingestuft. Selbst wenn sie besondere und wichtige Fähigkeiten entwickeln.

In der Politik scheint mir das Phänomen weit verbreitet. Das oberste Ziel scheint zu sein, Menschen dazu zu überreden, den Politiker zu wählen; um das zu erreichen, wird genau darauf gehört, was die Menschen an Klagen vorbringen; das wird dann drastischer formuliert, damit es als schwerwiegendes Versäumnis wirkt, und mit einem „Wir werden das ändern!“ geschmückt. Fragen nach Ethik und Verantwortbarkeit spielen da gar keine Rolle mehr. Man höre sich nur das Reden zum Flüchtlingsproblem an! Der Anfang war so gut mit Frau Merkels „Wir schaffen das!“ Was ist davon übrig? EU-Staaten haben ihre Grenzen geschlossen (mit Stacheldraht!), die Maghreb-Staaten sollten zu „sicheren Herkunftsländern“ erklärt werden, damit man mehr Flüchtlinge wieder zurück ins Elend schicken könnte, usw. usw. Politiker handeln nicht christlich, sondern bemühen sich nur, ihre Wahlchancen zu maximieren. Und dazu singen sie noch die Hymne von der „christlichen Leitkultur“!

Ich könnte mich kolossal aufregen, aber ich tu’s nicht. Ich nehme Betablocker.

5 Kommentare zu „Kapitalismus oder so

    1. @sascha313: Tja – was nun? Ich habe Deine Seite besucht und bin von der Idee „Diktatur des Proletariats“ nicht begeistert. Das Problem fängt schon an bei der Abgrenzung der Fronten und der Frage, ob es nicht mehr als 2 Gruppen gibt – und es hört da nicht auf. Ich denke da noch an Leute, die sich zu Sachverständigen in dieser Frage erklären und mit Begeisterung andere zu Feinden erklären; wir Deutschen haben da einige Erfahrung… Mit dem Zitieren von Systemen und Frontenbildung ist nichts erreicht; eine brauchbare Lösung sollte fähig sein, alle Bewohner der Republik einzubinden, und sie sollte etwas robust gegen Machtanmaßung Einzelner sein. Also: Zurück an die Werkbank!

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      1. Danke michib. Nun muß man sich da allerdings etwas genauer hineindenken. Diktatur klingt ja immer etwas erschreckend und man vermutet (ganz richtig): Druck, Unterdrückung, Zwang und Verfolgung. Natrülich kann man nicht alle Mesnchen vorbehaltlos in einen Topf werfen – zumal das Leben ja durchaus bunt und vielfältig ist und es immer Übergangsformen geben wird.

        Aber Du wirst mir sicher recht geben, daß es – sowohl im kleinen wie im großen – unmöglich ist, die ökonomischen Grundlagen einer Herrschafts- und Gesellschaftformation durch Zuspruch, Petitionen und Appelle zu verändern. Es wird immer eines gewissen Zwangs bedürfen, um soche grundlegenden Veränderungen zu verwirklichen, wie es der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus nun einmal ist. Die utopischen Sozialisten – das kann m,an nachlesen – haben das mehrfach vergeblich versucht.

        Und gerade durch die Vielschichtigkeit unserer heutigen gesellschaft dürfte das nicht weniger kompliziert sein. Denn es gibt immer noch genügend Leute, die nicht schlecht davon leben, indem sie das, was von den Futtertrogen der Reichen und Superreichen herunterfällt, gierig aufsammeln und verzehren. Diejenigen werden also gleich weniger begeistert sein, wenn das einmal wegfällt.

        Was aber die große Massse der Millionen Arbeiter, die Lohnabhängigen, die unendlich Ausgebeuteten und um ihren Lohn betrogenen Werktätigen betrifft, so kann man größtenteils sicher sein, daß die eine Änderung begrüßen würden. Das war 1945 so und ist heute nicht anders.

        Unterdrückt werden muß also jeder Versuch, die Enteignung der bisherigen Sozialschmarotzer, und damit meine ich die Geldsäcke, Rüstungsprofiteure, Großaktionäre, die Monopolkapitalisten und Ausbeuter durch das werktätigen Volk rückgängig zu machen. Unterdrückt werden muß also jeder Versuch, deren beseitigtes Macht- und Herrschaftssystem erneut zu errichten oder die alten Verhältnisse durch die Hintertür wieder einzuführen. Dazu bedarf es einer Diktatur. Und zwar nicht der Dikatatur eines eimzelönen Menschen oder einer Partei (wie oft behauptet wird), sondern der Diktatu7r des Proleatriats. (Damit ist die am meisten ausgebeutete Klasse der Arbeiter zu verstehehen – also derjenigen, die die Werte produzieren und auf deren Kosten die Bourgeoisie bisher lebte und noch lebt. Und zwar in „Saus und Braus“ – so daß es ihnen auf einige geringfügige Spenden in Höhe von ein paar Millionen nicht ankommt.

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      2. Lieber Sascha313, die Erfahrung lehrt aber nicht nur, dass man Reiche nur in seltenen Ausnahmefällen dazu überreden kann, ihren Reichtum aufzugeben. Sie lehrt außerdem, dass die meisten Nichtreichen eigentlich nicht mehr wollen als ihr eigenes Leben in Frieden zu führen, und dass sie sich ebenfalls nur schwer argumentativ oder mit Überredung zwingen lassen, für eine Umverteilung des Kapitals auf diie Straße zu gehen.

        Ich glaube, die größten Chancen, etwas zu ändern, bestehen darin, auf mehr Bildung für alle hinzuwirken; gebildete Menschen sind nicht so bereit, andere einfach machen zu lassen. Das hat nach dem letzten Krieg schön angefangen, ist aber wieder eingeschlafen worden.

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      3. Ganz recht, michib, man wird sie nicht überreden können. Und erst recht nicht auf der Straße. Mit Demonstrationen kann man vielleicht auf das Unrecht der bürgerliche Gewaltherrschaft aufmerksam machen, mehr aber auch nicht.

        „Umverteilung“ ist ja ein schöner Traum, doch da gibt es nichts umzuverteilen! Der einzige Weg ist die bedingungslose Enteignung der entscheidenden Industriezweige, der Großgrundbesitzer, der Banken und der Aktionäre – damals 1917 hat man auch fast die ganze Beamtenschaft davongejagt.

        Doch das wird nur funktionieren, wenn die Arbeiterklasse die Macht ergreift. Und zwar nicht durch Wahlen, Abstimmungen oder sonstige Kompromisse, sondern nur durch materielle Gewalt, durch eine Revolution. Das heißt nicht, daß da Blut fließen muß. 1917 war das auch nicht der Fall. Aber es muß zuvor eine revolutionäre Sitaution entstanden sein, so daß – kurz gesagt – die Oberen nicht mehr können und die Unteren nicht mehr wollen.

        Und das setzt natürlich immer voraus, daß es eine führende Kraft geben muß, die eine solche Veränderung organisiert und leitet. Du siehst, es ist ein langer Weg!

        1945 hatten wir das Glück, daß die Sowjetunion nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus in der SBZ sozusagen als Schutzmacht die antifaschistisch-demokratische Umwälzung und dand auch die proletarische Revolution unterstützte. Doch die Schaffung und der Aufbau des Sozialismus in der DDR war allein das Werk der Arbeiterklasse und der mit ihr verbündeten Klassen und Schichten.

        Natürlich hast Du vollkommen recht: Man muß das Klassenbewußtsein wieder in die Arbeiterklasse hineintragen. Wie viele nehmen den immer mehr zunehmenden Druck durch die Ausbeuterklasse und deren Staat widerstandslos hin und versuchen irgendwie klarzukommen. Ohne das notwendige Wissen , ohne Bildung können die ausgebeuteten Klassen die Ursache ihres Elend auch nicht erkennen. Bildung ist das A und O!

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