Holschuld – Bringeschuld

Kennen Sie das? Das ist ein im Prinzip ziemlich einfaches Konzept, das Pflichten festlegen soll. Ich kenne die beiden Begriffe bisher nur im Zusammenhang mit Informationen. Da geht es um die Frage, wer verantwortlich dafür ist, dass Informationen die Menschen erreichen, die sie brauchen. Holschuld heißt: Ich muss fragen, um eine Information zu bekommen; ohne Fragen bekomme ich sie nicht. Bringeschuld heißt:  Mein Gegenüber muss mich ungefragt informieren.

Ich bin vor Kurzem wieder damit konfrontiert worden: Es ging darum, ob Handwerker ungefragt mitteilen müssen, ob durch Veränderungen in den Voraussetzungen zu einer Arbeit mit veränderten Folgen zu rechnen ist. Oder ob man halt fragen müsse. Das Hauptargument für die Bringeschuld war, dass man ja gar nicht wisse, wonach man fragen solle.

Ein schön einfaches Konzept, diese Geschichte, mit einem fetten Schönheitsfehler: der Frage nämlich, wer festlegt, ob eine Hol- oder eine Bringeschuld vorliegt. Und an der Stelle geraten wir ganz schnell in die Regel-Falle: Jemand stellt zu der Frage nach Hol- und Bringeschuld Regeln auf, die vermeintlich einleuchtend sind und von allen Menschen mit gesundem Menschenverstand geteilt werden.

Man kann ziemlich sicher sein, dass Regeln, die jemand zu zwischenmenschlichen Beziehungen oder zu zwischenmenschlichem Verhalten aufstellt, weder einleuchten noch gesundem Menschenverstand entspringen. Zwischenmenschliches, ja selbst alles, was nur mit einem einzelnen Menschen zu tun hat, lässt sich nie Nie, NIE!!! in Regeln fassen, schon gar nicht in Regeln, die benutzt werden sollen, um andere Menschen zu bestimmtem Verhalten zu zwingen. Es geht einfach nicht. Wir Menschen sind – wie alle höheren Lebewesen, sagen wir: ab dem Pantoffeltierchen – zu komplex, zu vielschichtig, um in einer Umgebung, die uns regelt, existieren zu können.

Eigentlich ist dieser Wunsch nach Regeln etwas Kindliches: Es ist der Wunsch, die Welt möge einfach sein und einfach zu erklären. Und es ist auch der Wunsch, Fehler vermeiden zu können durch Befolgen von Regeln. Ewachsene Menschen sollten im Verlaufe ihres Lebens begriffen haben, was es mit Regeln auf sich hat, und sie sollten auch Wörter wie „Pragmatismus“ kennengelernt haben. Dieses Konzept besagt, dass man tut, was weiter hilft, und Fragen nach Regeln hintan stellt. Es gibt einen schönen Satz dazu (hab ich mir nicht ausgedacht!): „Regeln sind dazu da, dass man über sie nachdenkt, bevor man sie bricht.“

Übrigens – eine Frage, die man immer stellen kann, auch wenn man überhaupt keine Ahnung hat: „Und was ändert sich damit für mich?“

Putsch in der Türkei – war wohl nicht so gemeint…

Zuerst dachte ich: Schön. Erdogan wird abgetreten, das Land wird wieder säkular – vielleicht nicht mehr so strikt, aber man muss auch locker bleiben – und alle beruhigen sich wieder.

Das war nur ein Wunschtraum; der große Potentat wehrt sich und hat auch noch Erfolg! Nun ja. Jetzt wird es viel Blut geben, viel Leid und Schmerz. Und aus der so bestätigten Religiosität wird auch nichts Gutes erwachsen; das Land wird engstirniger werden, das Patriarchat wird wieder zulegen. Erdogan wird nach diesem Putsch seine Paranoia ausbauen und seine Macht ebenso; 2.700 Richter sind suspendiert, und niemand wird mehr irgendeinem Verwandten oder Günstling der Familie Erdogan an den Karren pissen. Die werden machen können, was sie wollen! Und die WERDEN machen, was sie wollen. Stinkreich werden sie und der Rest wird arm und ärmer, und all ihr Reichtum wird dem Land entzogen und irgendwo auf den Caiman Islands oder sonstwo gebunkert. Und beim nächsten Aufstand, der vielleicht funktioniert, werden sie sich davonmachen und ein armes, zerrüttetes Land zurück lassen, das ein Jahrhundert brauchen wird, um dahin zu kommen, wo es vor 10 Jahren war.

Ich trauere um das Land. Ich trauere um die Menschen. Ich könnte heulen.

Am Abend nach der Amokfahrt in Nizza

Vierundachzig Tote, davon viele Kinder; noch über 50 Schwerverletzte, von denen ein Teil auch noch sterben wird…

Ein Mann, der zum Massenmörder wurde und einfach über Menschen fuhr…

Eine Sondersendung, in der man einen „Islam-Wissenschaftler“ und „Terrorismus-Experten“ befragt…

… Und natürlich alle möglichen Stimmen, die davon reden, dass natürlich auch Deutschland gefährdet ist – auch Deutschland, das Land, in dem „Terroristen“ nicht in der Lage sind, eine funktionsfähige Bombe zu bauen, das Land, in dem andere Terroristen in einem Stadion angeblich eine Bombenattrappe verstecken. Jedes Mal, wenn irgendwo in Europa Terrorismus zuschlägt, wird davor gewarnt, dass auch Deutschland im Visier der Terroristen steht.

Ich glaube, einige Kräfte in Deutschland hätten das gerne, dass mal irgendwo hier eine Bombe hochgeht, damit man mal endlich eine ordentliche Begründung hat, die Überwachung der Bürger durch den Staat zu verschärfen. Ich frage mich, warum. Eigentlich kann es ja nur zwei Gründe geben:

  1. Diese Überwachungsgeschichte ist eine Supermöglichkeit, Geld zu machen.
  2. Jemand hat Angst. Und zwar nicht vor Terroristen, sondern vor normalen Leuten.

Wie es momentan aussieht, passen wohl beide Motive. Aber über Punkt 2 müsste man noch etwas genauer nachdenken. Un da stellemer uns mal janz dumm: Wat issene Terrorist un wat iss der Terrorismus?

Nun ja, ist ja ganz einfach: Der Terrorismus ist die Gesamtheit der Terroristen und ihrer Helfer bzw. das, was sie ausüben, und ein Terrorist ist jemand, der… Ääähh…

Das ist der Punkt, an dem ich scheitere.

Klar, ich kann auf Geschehnisse verweisen, die eigentlich die Rolle von Terroristen beispielhaft beschreiben: Das Geschehen in der Redaktion von Charlie Hebdo, das Geschehen im Bataclan, Anschläge in Istanbul etc. Aber die Absichten der Terroristen, ihre Ziele, ihr Werdegang, das alles bleibt komplett im Dunkeln. Wir beschränken uns auf die Feststellung, dass diese Leute Tod, Angst und Schrecken verbreiten, dass sie Terror verbreiten, dass sie also Terroristen sind. Und die muss man bekämpfen.

HALT! Um Gottes Willen: Halt!

Sie bekämpfen uns. Ok. Das ist wohl ein Fakt. Deshalb bezeichnen wir sie als Terroristen. Was sind wir, wenn wir sie bekämpfen? Wir verteidigen uns doch nur…?

Ich habe noch die Bilder aus Belgien vor Augen aus dem Stadtteil Molenbeek in Brüssel. Die Polizei hat die Terroristen gesucht, die das Attentat auf das Bataclan verübt und überlebt hatten. Wäre ich Einwohner des Viertels gewesen, spräche ich heute wohl eher von einem Überfall der Staatsmacht auf das Viertel, und wahrscheinlich wäre ich auch bereit, die Polizisten, die damals gut geschützt und mit Maschinenpistolen bewaffnet anrückten und sich stundenlange Feuergefechte mit den Gesuchten lieferten, auch mit den Terroristen in einen Topf zu werfen. Man überlege: Das Haus, in dem die Terroristen saßen, war hinterher abbruchreif!

Man kann die meisten Dinge aus mehr als einem Blickwinkel sehen, und manchmal werden Leute, die eigentlich diametral zueinander stehen, die Front bilden gegeneinander, von der Seite gesehen einander verblüffend ähnlich – in Aussehen und Intention. Das sollte uns zu denken geben: Wenn man Terroristen bekämpft und das mit denselben Waffen, die auch die Terroristen benutzen – Maschinenpistolen, Granaten, Angst, Schrecken -, ist man dann am Ende selbst Terrorist?

Nein, nein; der Zweck ist doch ein ganz anderer: Die Polizei will die Bürger schützen…

Indem sie Angst und Schrecken verbreitet? Wie trennt die Polizei die Bürger, die sie schützen will, von denen, die sie verfolgen will? Und ist sie da immer auch nur einigermaßen trennsicher?

Was klar ist: Ich bin nicht automatisch ein „Guter“, wenn ich auf die „Bösen“ einprügle. Prügeln ist Prügeln; es gibt absolut keinen Zweck, der die falschen Mittel heiligt. Im Gegenteil: Falsche Mittel können einen Zweck oder ein Ziel vollständig wertlos machen.

Worauf ich jenseits von meiner eigenen Unsicherheit über unsere Rollen in diesen Dramen eigentlich hinaus will: Dass man Terroristen bekämpft, wenn sie aktiv werden und uns töten wollen – klar, ich kann’s verstehen. Das wird sehr plötzlich sehr persönlich, wenn rings um mich Leute sterben und im Sterben schreien, und jedes abgehobene Nachdenken ist dann wie weggeblasen und völlig wertlos.

Aber dennoch: dieses Terroristen-Bekämpfen – ändert das irgendetwas? Können wir damit rechnen, dass irgendwann der letzte kommt, erschossen wird, und aus iss? Nein; Terroristen sind ein nachwachsender Rohstoff. Das ist also kein gangbarer Weg — oder es ist nur dann ein gangbarer Weg, wenn ich Terroristen brauche, vielleicht um von mir abzulenken, davon abzulenken, dass ich Jahr für Jahr einen weiteren Teil des – durchaus begrenzten – Reichtums dieser Erde an mich binde und zu meinem Eigentum mache und ihn damit den anderen Menschen entziehe. Ich will da jetzt gar nicht meinen paranoiden Phantasien freien Lauf lassen; das ist Stoff für einen anderen Artikel.

Aber wenn ich andererseits wirklich daran interessiert bin, dass Terrorismus aufhört, dass alle Menschen mich einbezogen die Chance bekommen, in Frieden zu leben, ohne an Hunger zu sterben, –

– dann müsste ich wohl endlich damit anfangen, den Terrorismus statt der Terroristen zu bekämpfen.

Terrorismus bekämpfen kann man wohl, indem man seine Wurzeln bekämpft, seine Ursachen. Als da wären: Hunger, Armut, Perspektivlosigkeit, Ohnmacht – fehlt noch etwas? Ich vervollständige die Liste gerne. Die vier sollten aber wohl die hauptsächlichen Ursachen sein.

Hunger und Armut sind direkt Folge und Ausdruck der sehr ungleichmäßigen Verteilung des Reichtums auf der Welt auf ihre Bevölkerung. Selbst in der Bundesrepublik ist Besitztum sehr ungleichmäßig verteilt: 50% des Wohlstands dieser Republik verteilen sich auf 10% seiner Einwohner, 25% sogar auf nur 1% der Deutschen. Und die Schere klafft Jahr für Jahr weiter auseinander, auch durch gesetzgebendes Handeln von Politikern, die ernsthaft daran arbeiten, ihre Klientel reicher zu machen und den Rest ärmer.

Perspektivlosigkeit, Ohnmacht – das lässt sich auch hier bei uns wunderbar studieren. Kümmert sich jemand mit politischem Einfluss ernsthaft darum, Jugendlichen aus den ärmeren Schichten eine Chance auf Zukunft zu geben? Lieber nennt man sie „nicht bildungsfähig“ und gibt ihnen selbst die Schuld.
Man könnte bequem, ohne jemandem sonderlich weh zu tun, die sehr Reichen ein wenig besteuern und das Geld nutzen, um Zukunft zu schaffen für die Kinder der Armen. Das brächte Ertrag! Und, meine lieben Sehr-Wohlhabenden, erzählt mir nicht, Euer Reichtum sei hart und ehrlich verdient, und wer reich werden wolle, müsse halt einfach dafür arbeiten, und wer nicht reich sei, arbeite halt nicht genug. Zu Leuten, die so etwas von sich geben, finde ich nur den „Komplettes Arschloch“-Orden am Band.

Deutschland ist nun im Vergleich mit dem Rest der Welt ein stinkereiches Land; in anderen Ländern – auf dem afrikanischen Kontinent, in Südamerika, in Teilen Asiens – ist das wenige Geld noch extremer verteilt. Ich habe zu wenig Detailkenntnis – seien wir ehrlich: gar keine! – was ich höre und sehe, reicht mir aber, um eine Vorstellung zu bekommen über den Humus, der Terrorismus gedeihen lässt.

Also, liebe Leute, pack’mers! Wenn wir nicht wollen, dass der Asiate oder der Afrikaner uns eines Tages überrennt, unsere Frauen raubt und unsere Kühe vergewaltigt – oder wie war das noch? Egal -, sollten wir jetzt anfangen, Geld über alle Kontinente zu verteilen und überall dazu zu helfen, dass normale Menschen Chancen auf ein normales Leben haben und dass alle einen Einfluss haben auf das Schicksal ihres Landes und seiner Bevölkerung. Ich bin sicher, dass der arme Terrorismus dann verhungert.

Ich schreibe dieses Pamphlet am Abend nach der Amokfahrt in Nizza, am Ende eines arbeitsreichen und anstrengenden Tages; verzeiht also bitte, dass der Text vieles an Stringenz und Konsistenz vermissen lässt. Gute Nacht – und träumt etwas Schönes…

Kapitalismus oder so

Gleich vorweg: Ich habe weder Betriebs- noch Volkswirtschaft studiert, sondern Elektrotechnik, und ich habe auch sonst keine nennenswerte wirtschaftliche Bildung genossen. Es geht mir auch nicht um Systeme; „Kapitalismus“ ist einfach so ein schön griffiges Wort und eine Sache, die man ja für alles verantwortlich machen kann. „Kapitalismus!“ sage ich in den letzten Monaten dauernd griesgrämig und meine damit: „Die Leute toben sich so richtig kapitalistisch aus!“

Ich habe mir erst seit ein paar Monaten ernsthaft Gedanken zum Thema gemacht. Und was ich meine, wenn ich „Kapitalismus“ brumme, ist eigentlich eine ganz andere Geschichte, und zwar die Verschiebung der Ziele, der Absichten.

Ein ziemlich einfaches Beispiel:

Im Jahr 1852 kauft ein 40-jähriger Mann einen Schrank. Er bekommt ein Ding aus Eiche; Kiefer oder Fichte wären nicht geeignet, weil die sich verzögen und keine 100 Jahre hielten. Er bezahlt richtig viel Geld dafür – es tut ihm weh, wenn er nicht reich ist -, aber er kann damit rechnen, dass seine Urenkel (so er welche hat) den Schrank immer noch benutzen, vielleicht mit neuem Anstrich und neuen Schnitzereien oder anderen kleineren Änderungen.

Es gibt solche Schränke noch heute, mittlerweile wieder heftig begehrt, weil antiquarisch oder gar historisch. Heute kaufe ich aber einen Schrank, vielleicht auch richtig teuer, aber nicht mehr für eine Lebensdauer von 150 Jahren ausgelegt. Heute beträgt selbst die geplante Lebenszeit eines Wohn-Halbhauses nur 30 Jahre! Den Schrank kann man nach spätestens 8 Jahren – oft schon nach 5 Jahren – wegwerfen, weil Verbindungsstellen und Scharniere ausgerissen sind, weil das Holz nur Spanholz ist.

Solche Geschichten werden dutzendweise und immer wieder erzählt, und alle denken an die Gute Alte Zeit, in der man noch alles für die Ewigkeit baute und alles vererben konnte. Das ist aber nicht der Kern, glaube ich. Der Kern liegt meiner Meinung nach eher dort:

Der Schreiner, der den Schrank 1852 gebaut hat, hatte nicht viel andere Möglichkeiten als gute Eiche zu nehmen. Kiefer und Fichte waren zu astig und zu harzig und verzogen sich tatsächlich nach einiger Zeit. Der Kunde hätte reklamiert und wäre bestimmt nicht wiedergekommen; er und/oder seine Nachkommen hätten sich mit Sicherheit in ihrem Bekanntenkreis darüber ausgelassen, wie schlecht das Möbel gebaut war. Der Schreiner hätte sich seinen Ruf oder den seiner Erben ruiniert, u. A. weil man das Möbel auch nach 100 Jahren mit seiner Werkstatt in Vebindung bringen würde.

Heute ist „der Schreiner“ höchstwahrscheinlich eine Möbelfabrik, die ihre Waren an Händler liefert, die noch 15 andere Möbelfabriken im Sortiment haben, der größere Teil davon unbekannt, weil sie im Auftrag irgendwelcher dritter Firmen Großserien herstellen. Sprich: Hersteller und Endverbraucher haben nichts mehr miteinander zu tun, sie kennen einander nicht. Der Hersteller ruiniert seinen Ruf nicht mehr, wenn er schlechtes Spanholz verarbeitet, wenn er Kunststoff- statt Echtholzfurnier benutzt, wenn er an allen Ecken und Kanten spart, um die Herstellungskosten zu drücken. Wir Endverbraucher wiederum können kaum noch Qualität erkennen, weil der Holzeffekt auf der Kunststoffbeschichtung echt wirkt und alle Holzkanten sauber damit beklebt sind. Wenn wir Pech haben, sieht der Schrank wirklich wie aus Eiche aus, und wir könnten ihn von einem echten Eichenschrank nur durch den Geruch unterscheiden – den es vielleicht auch schon als Aerosol für solche Zwecke gibt.

Das Hauptziel des Schreiners 1852 war, gute Schränke zu bauen, damit die Leute seine Schränke kauften, damit seine Kasse stimmte, damit seine Familie Einkommen hatte.Er hatte keine andere Möglichkeit. Und er hatte vielleicht auch Abneigung, Leute zu bescheißen, denen er auf dem Wochenmarkt begegnen könnte.

Die Möbelfabrik heute muss nicht wirklich auf Qualität achten. Vielleicht hat die Firma gewisse Ansprüche, in deren Namen die Möbel zu guter Letzt verkauft werden; die werden sich aber eher auf äußerliche Attribute beziehen. Ansonsten hat die Möbelfabrik die Möglichkeit, ihr Einkommen zu erhöhen, indem sie die Qualität der hergestellten Möbel reduziert. Das ist ziemlich genau das Gegenteil der Möglichkeiten, die man 1850 hatte.

Das Kernproblem kann ich also schlecht unter dem Begriff Kapitalismus finden; es scheint eher die Anonymisierung zu sein und die Trennung von Markeninhaber, Hersteller, Händler und Kunde.

Die Folge ist: Leute werden reicher, indem sie Dinge schlechter machen als bisher. Manchmal fühlen sich die Dinge sogar besser an durch die Verschlechterung, z. B. Shampoos, denen man kleine Plastikkügelchen zusetzt, damit sie milchig und cremig wirken. Sie sind aber dennoch schlechter. Und warum passiert das? Geld ist zum Gradmesser des Erfolgs geworden: Ein Schreiner genießt heute gesellschaftliches Ansehen, nicht, wenn er sehr hochwertige Möbel baut, sondern wenn er viel Geld hat. Und er kann sein Ansehen noch erhöhen, wenn er Geld investiert, um sich Einfluss zu verschaffen. Die Ziele haben sich verschoben! Menschen werden nicht Arzt, weil sie die Vorstellung besonders reizt, anderen Menschen Gutes zu tun, sondern wegen des Geldes. Ok, nicht alle, aber wenn ich mich so umhöre, scheint der Prozentsatz erschreckend hoch. Und so geht es durch alle Berufe. Menschen, die Berufe ergreifen, in denen sie nicht reich werden können, werden eher als Versager eingestuft. Selbst wenn sie besondere und wichtige Fähigkeiten entwickeln.

In der Politik scheint mir das Phänomen weit verbreitet. Das oberste Ziel scheint zu sein, Menschen dazu zu überreden, den Politiker zu wählen; um das zu erreichen, wird genau darauf gehört, was die Menschen an Klagen vorbringen; das wird dann drastischer formuliert, damit es als schwerwiegendes Versäumnis wirkt, und mit einem „Wir werden das ändern!“ geschmückt. Fragen nach Ethik und Verantwortbarkeit spielen da gar keine Rolle mehr. Man höre sich nur das Reden zum Flüchtlingsproblem an! Der Anfang war so gut mit Frau Merkels „Wir schaffen das!“ Was ist davon übrig? EU-Staaten haben ihre Grenzen geschlossen (mit Stacheldraht!), die Maghreb-Staaten sollten zu „sicheren Herkunftsländern“ erklärt werden, damit man mehr Flüchtlinge wieder zurück ins Elend schicken könnte, usw. usw. Politiker handeln nicht christlich, sondern bemühen sich nur, ihre Wahlchancen zu maximieren. Und dazu singen sie noch die Hymne von der „christlichen Leitkultur“!

Ich könnte mich kolossal aufregen, aber ich tu’s nicht. Ich nehme Betablocker.

Wissenschaft und Religion

Die beiden Begriffe werden zumeist als Gegensatz gesehen:

  • Wissenschaft als objektive Darstellung der Realität und
  • Religion als zumeist (außer von Fundamentalisten) rein subjektive Beschreibung der „Wirklichkeit über den Wirklichkeiten“, des Absoluten“ etcetera peh peh.

Seit es wissenschaftliches Forschen gibt, besteht diese Rivalität. Und sie ist wissenschaftlich gesehen völliger Quatsch.

Lest Euch den letzten Satz ruhig noch einmal in Ruhe durch; er enthält einen wunderbaren Gegensatz, der uns tagein, tagaus von Wissenschaftlern mit souveräner Selbstverständlichkeit präsentiert bzw. um die Ohren gehauen wird: „wissenschaftlich“ und „Quatsch“ zusammen in einem einfachen Satz! Ein erstes Indiz dafür, dass Wissenschaft, da von Menschen betrieben, nicht objektiv sein kann. Oder ist „Quatsch“ irgendetwas objektives? An irgendeinem Punkt hat der Wissenschaftler die Ebene wissenschaftlichen Arbeitens verlassen und eine Überzeugung gewonnen, die er mit Zähnen und Krallen verteidigt: Er ist in die Welt des Glaubens, der Religion eingetreten. Autsch!

Ein ernsthafter Wissenschaftler, der immer noch auf der Sachebene arbeitet und argumentiert, wird dagegen halten, es sei halt nur ein Mensch, der da ein wenig von der Spur gekommen ist, und das passiere halt. Und er wird weiterhin anmerken: Wissenschaft handle nicht mit Wahrheiten; Wissenschaft entwerfe Modelle der Realität, die dieser in einem gewissen Bereich so weit entsprechen – d.h. einigermaßen dasselbe Verhalten unter denselben Bedingungen wie die Realität zeigen -, dass man mit ihnen arbeiten und sie für Forschung und Entwicklung nutzen kann. Keinesfalls dürften diese Modelle mit der Wirklichkeit verwechselt werden!

Im Klartext: Wissenschaft erklärt uns halt nicht, wie die Welt beschaffen ist und warum; Wissenschaft sucht nur nach Wegen, die tägliche Realität in Grenzen vorhersehbar und berechenbar zu machen. Weil aber Wissenschaftler normalerweise Menschen sind – vielleicht sind auch ein paar Außerirdische dabei aus der Tiefe des Raums -, wünschen sie sich manchmal, Wahrheiten zu finden und zu verkünden. Und werden – Abra Kadabra – zu religiösen Fundamentalisten, zu Hohepriestern der Religion „Wissenschaft“.

Das ist die eine Seite – die der Wissenschaft.

Auf der Seite der Religion gibt es seit Längerem eine Entwicklung in die andere Richtung: man versucht, bei der „Suche nach der Wahrheit“ mit wissenschaftlichen Methoden Erkenntnis zu gewinnen. Da Religion und Religiosität keine physikalischen Phänomene sind, geht das nicht so simpel vonstatten wie bei den Naturwissenschaften; man muss Psychologie, Soziologie, Linguistik, Historik und Archäologie benutzen und auf Artefakte und Erzählungen der Religionen anwenden. Es scheint da wohl grundsätzlich zwei Strömungen zugeben: die vergleichende Religionswissenschaft, die sich im Prinzip mit allen Religionen beschäftigt, und die Theologie, die es in römisch-katholisch, islamisch, evangelisch etc. gibt.

Je nun, auch in der Theologie gibt es einen stetigen und erfreulichen Zuwachs an Erkenntnis; man ist von Zeit zu Zeit gezwungen, kirchliche Positionen und ihre Fundamente neu zu bedenken und von alten Lehrmeinungen abzurücken (z. B. Vom Kirchengründungsmythos in Matthäus 16,18: …Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen … Es spricht einiges dafür, dass dieser Vers kein Wort Jesu ist, sondern nachträglich zugefügt wurde, wohl als Legitimation der Kirche als göttlicher Institution). Das geht nicht zügig, vernunftgesteuert, sondern immer gegen erhebliche innere Widerstände. Aber der Prozess macht jenseits immer wieder vorkommender Rückschritte und Rückschläge doch Hoffnung: dass Kirche in der Welt ankommt und ihr bis dato doch noch recht zügelloses Machtstreben zähmt und in den Dienst der Mitmenschlichkeit stellt. Es ist meine wissenschaftliche Überzeugung, dass das kein Quatsch ist.