Liebe Kirche…

Kirche erzeugt in mir immer ein eher mulmiges Gefühl. Nun ja, ich habe halt so meine eigene kirchliche Sozialisation.

Früher war alles besser…

Als ich klein war (so 5-12), schickte meine Mutter mich und meine Schwester Sonntags immer mit ein bisschen Kollektengeld zum Kindergottesdienst. Meine Schwester ist älter als ich und war damals schon fix im Denken; also machten wir kurz vor der Kirche an einem Kiosk Halt und reduzierten die Kollekte. Sie hat gerecht geteilt, ich konnte und wollte mich nicht beschweren; aber das war dann auch schon das Schönste am Gottesdienst. Der Pfarrer hat gepredigt, wir haben das über uns ergehen lassen. Im liturgischen Teil mussten wir viel stehen, das mochte ich gar nicht. Nach der Predigt wurden wir in Gruppen aufgeteilt, und der Predigttext wurde noch einmal von den Helfern mit uns durchgekaut; danach gab’s noch ein paar Gebete und ein paar Lieder, wieder meist im Stehen, und dann war’s endlich vorbei.

Noch öder war der Gottesdienst, wenn er ein einem Prediger gehalten wurde; dann gab’s keinen Organisten, und wir mussten à capella singen und noch mehr stehen. War das ätzend!

Mit 12 kam ich in den Katechumenenunterricht; wir mussten viel auswendig lernen, und der Unterricht bestand großen Teils aus Abfragen. Was habe ich nicht alles gelernt: Das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, Luthers kleinen Katechismus, Lieder (ich weiß nicht mehr wie viele), Psalmen…

Was ich damit gemacht habe? Vergessen, sobald die Konfirmation mit ihrer Prüfung durch war. An der Konfirmation interessierte eigentlich nur, wer wie viel Geld bekommen hatte. In dem nicht sehr betuchten Vorort, in dem wir damals wohnten, wurde der Vogel mit 1500 DM abgeschossen; ich bekam rund 165 DM. Wir waren damals einfach nicht sonderlich wohlhabend, und das Gros der Leute um uns herum auch nicht. Meine Schwester hatte es 2 Jahre vorher noch schlechter getroffen: sie bekam kein Geld, sondern Aussteuer von meinen Großeltern… Sie war enttäuscht, aber sowas von!

2 Jahre später bin ich dann in die Jugend der Freien Evangelischen Gemeinde gegangen; darüber habe ich ja schon etwas im Artikel Glauben erzählt.

Vernunft

Später während meines Zivildienstes, den ich erst nach meinem Studium absolvierte, lernte ich einen wirklich außerordentlich vernünftigen Pfarrer kennen, mit dem man auch wirklich gut reden konnte, und eine sehr vehemente und mitreißende Diakonin (nicht Diakonisse! Das ist etwas gaaaanz anderes!). In der Zeit war ich manchmal auch im Gottesdienst und hatte was davon.

Und jetzt kämpft Kirche, meine Kirche, die evangelische Kirche, seit Längerem mit Austritten, und ich frage mich – oder habe mich gefragt -: gibt es eine Existenz-berechtigung für Kirche, und wenn ja, welche?

Geht gar nicht:

Ganz ehrlich: Für eine Kirche, die behauptet, Statthalterin Gottes auf Erden zu sein, und das als ihr „Kerngeschäft“ ansieht, gibt es heute wohl kaum ein Daseinsrecht. Sie hat auch keinen Nutzen für Menschen, stellt nur Forderungen, noch dazu reichlich beknackte – speziell im Bezug auf Ehe und Sex.

Bitte: Ich bin keineswegs der Auffassung, dass die Menschheit ohne Kirche besser dran sei – im Gegenteil, wir brauchen Kirche mehr denn je. Die Frage ist: in welcher Gestalt?

„Gottes Wort“ ist ROFL!

Wie ich in meinem Beitrag Glauben schon schüchtern angedeutet habe, habe ich das Bild eines Gottes, der das Uni- oder Multiversum (wie ich finde sehr erfolgreich) erschaffen hat, der weiß, was er tut und was seine Schöpfung daraus macht. Eines Gottes, der nicht daran interessiert ist, dass man vor ihm auf die Knie fällt und ruft:“ Mein Gott, bist Du groß!“ oder ähnlichen Unsinn macht. Warum auch? Er hat MINDESTENS (wie Physiker heute sagen) das komplette Universum mit Billionen Galaxien, jede mit hunderten Milliarden Sternen und Planeten, geschaffen. Man setze dazu ins Verhältnis: einen Menschen auf einem Planeten in einem Seitenarm einer Galaxie… Eher (viel eher, leider) käme ein Mensch auf die Idee, Anbetung von seinen Darmbakterien zu fordern!

Was ist nun Kirche?

Also ist danach Kirche NIEMALS Kirche Gottes und ebenso wenig Mittler zwischen Mensch und Gott. Kirche ist Menschenwerk und muss ihre Legitimation auch darin finden.

Was sollte oder könnte Kirche also sein? Eine Mahnerin, die uns an Worte Jesu erinnert, an sein Schöpfungs- und Menschenbild, die uns hilft, in diesem – im ethischen – Sinne Menschen zu werden und zu sein. Das fängt an und hört nicht auf mit „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“.

Für diese Rolle muss Kirche aber präsent und wichtig in unserem täglichen Leben sein; dazu reicht es nicht, Gottesdienste oder Gruppen wie Frauenhilfe, Bastelkreise, Glaubenskurse und Männergebetskreise anzubieten. Es ist notwendig, dass wir Kirche im täglichen Vollzug unseres Lebens, als Teil des Lebens erleben.

Wie ließe sich das erreichen?

Ein Ansatz könnte sein, was in – einigen oder allen? – orthodoxen Kirchen praktiziert wird: Pfarrer als Nebenberuf zusätzlich zu einem Hauptberuf, dem man weiter nachgeht. Auch in der EKvW gab es schon mal so ein Modell; es hat sich aber nicht durchgesetzt.

Ein anderer Ansatz wird bereits seit Jahrzehnten gelebt: Pfarrer an Krankenhäusern und in Altenheimen. Da kommt Kirche – tja – ans Bett. In Krankenhäusern sind Gottesdienste ziemlich sinnfrei; die Kranken liegen in ihren Krankenzimmern und sind oft genug nicht in der Lage, sich zu beteiligen. Was aber super funktioniert (erwiesenermaßen), ist z. B. Abendmahl am Bett. Die Hauptsache – und für die Patienten enorm hilfreich – sind aber Gespräche, Gespräche und – äääähh – Gespräche.

Ich könnte mir durchaus eine Stadt vorstellen, in der es nur noch eine evangelische Kirche gibt – für die großen Kirchenfeste – und viele Räume für alle möglichen sonstigen Aktivitäten und eine Horde Pfarrer und Ehrenamtliche, die sich bemühen, die ganze Stadt zu besuchen.

Dazu gehört auch, dass Kirche in der Öffentlichkeit präsent ist und schnell und laut ihre Stimme erhebt, Diskussionen anfacht und ihre ethisch begründete Position kundtut – UND vor Allem Vorschläge macht. Man muss sehen: heutzutage hat praktisch jedes Thema ethische Aspekte, und da sind nicht Ge- und Verbote gefragt, sondern immer wieder Ideen zu Lösungsansätzen.

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