Glauben…

Ich war von 16 bis – ich glaube – 18 Mitglied der Jugend einer Freien Evangelischen Gemeinde; in der Zeit und in dieser Gruppe wurde – natürlich – viel über Glaube, Gott und Christsein gesprochen. Ich war auf der Suche; natürlich wusste ich nicht, wonach. Ich hoffte, ich würde es erkennen, wenn ich es sehe. Wir sind auch weggefahren, gemeinsam, zur Teestube der Children of God (über diese Sekte hat man noch vor Kurzem was gehört in den Medien – nichts nettes), zu Zeltmissionsveranstaltungen; der Prediger rief zum Schluss alle nach vorne, die „sich heute abend zu Jesus bekennen wollen“. Ich ging nicht mit; ich fühlte mich – tja – wie? Nicht würdig? Es wäre eine Lüge gewesen, und ich glaube, ich hatte Angst davor, dass da eine Lüge weitere nach sich ziehen müsste. Aber das hat mich sehr bedrückt; meine Freunde gingen nach vorne… Ich hab‘ mich mies gefühlt, und das blieb lange hängen.

Eines der wichtigsten Worte dort war: Glaube. Du musst nur glauben. Glaube, und Du bist bei Jesus. Oder: komm zu Jesus. Was für ein Schwachsinn.

Jesus lebt! Und Jesus liebt Dich!

Ummpf. Ich bin zu 100% sicher, ohne jeden Zweifel, dass Jesus vor rund 2000 Jahren einen sehr grausamen Tod gestorben ist. Ich glaube, dass Gottes Geist nicht die junge Maria geschwängert hat, dass Jesus nicht Gottes eingeborener (?) Sohn ist, dass er nicht nach seiner Beerdigung seinen Jüngern erschienen ist, dass er nach seinem Tod nicht leiblich in den Himmel aufgefahren ist. Aber ich halte dieses Zeugs auch für komplett irrelevant; ebenso ist es unwichtig, ob ich das glaube oder nicht. Ebenso wie die ungezählten Wundergeschichten, die ähnlich oder gleich Auch in anderen Religionen auftauchen. Und ich bin sicher, damit nicht allein zu stehen. Ehrlich gesagt:Leute, die so sehr auf dem Nach-Kreuzigungsgeschehen und auf den Wundererzählungen als Grundlage des Glaubens beharren, haben anscheinend entweder schlicht einen an der Klatsche, oder sie haben vieles nicht annähernd begriffen, was sich in Evangelien und Briefen im Neuen Testament findet, oder sie wollen unbedingt genau davon ablenken, weil es unbequem und durchaus aufrührerisch ist und auf eine kompromisslose Art viel mit Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit zu tun hat. Bezüglich unserer Kirchen tippe ich auf das zweite dritte (mit dem Zählen hapert’s im Alter!). Jesus vertrat Positionen, die wir heute unter dem Etikett „sozialistisch“ abheften; das haben unsere Kirchen nicht so gern.

Ich bin ziemlich sicher, dass Jesus in einer für das Volk Israel schweren Zeit lebte – unter römischer Besatzung -, dass er aktiv Widerstand geleistet hat und dass er viel nachgedacht hat und starke und gute Überzeugungen hatte. Einige seiner Überzeugungen sind überliefert in den Evangelien, und sie scheinen mir sehr wichtig. Zum Beispiel seine Feststellung, eines der zwei wichtigsten Gebote laute: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Was eigentlich zwei Gebote sind: Liebe Dich selbst, und liebe Deine Mitmenschen genauso. Er hat natürlich auch (im Gleichnis vom barmherzigen Samariter) erklärt, wer mein Nächster ist: nämlich jeder, auch der Wildfremde, ohne Ansehen der Person.

Jesu Denken drehte sich auch um Gott – das war normal damals, Jesus war Jude -, aber der mir wichtige Teil des Überlieferten handelt davon, wie Menschen miteinander leben und auskommen können. Er hat übrigens auch über effektive Formen des Widerstands (gegen die Römer) nachgedacht; man kann dazu u. A. interessante Bücher von Pinchas Lapide lesen.

Glaube an mich!

Jesus hat seine Anhänger in verschiedenen Situationen gefragt: Glaubst Du an mich? Und sie antworteten laut Überlieferung (daran sollte man immer denken: es gibt keine Zeugen für den Wortlaut, die Bibel ist durch zig Sprachen gewandert und zig man übersetzt und interpretiert worden): Ja, ich glaube, dass Du Gottes Sohn bist. Tja – zwei Klippen: Es wird behauptet, dass sie das sagten; vielleicht haben sie einfach „jep!“ gesagt, aber das sah nicht so gut aus, weswegen man das redaktionell überarbeitet hat. Zweite Klippe: „Gottes Sohn“. Ein Kind Gottes war (ist?) nach jüdischer Lesart jemand, der in seiner Lebensweise Gott besonders nah ist – dem Tora und Gebote wichtig sind, der viel über den Schriften meditiert und überhaupt ein gottgefälliges Leben führt. Das ist in diesem Sinne niemand, an dessen Zeugung Gott unmittelbar samenspendend beteiligt war.

Was heißt also „Glaubst Du an mich“? Wenn ich als Schreiber Dich als Leser das frage, wirst Du das wahrscheinlich verstehen als „Glaubst Du an meinen Erfolg?“ oder allgemeiner „Vertraust Du mir?“. „Ich glaube“ hieße also „Ich vertraue“. Damit kann ich gut leben.

Fazit

Ich wäre von Sinnen vor Begeisterung, würde z. B. meine Evangelische Kirche sich entschließen, das Wort „Glaube“ systematisch durch „Vertrauen“ zu ersetzen. Ich glaube nämlich, dass viele Menschen „Glaube“ als ein Stück Pfarrer-Fachsprache sehen und nichts damit anfangen können.

Und: Ich fühle mich trotz meiner ziemlich abweichlerischen Meinungen als Protestant, als Mitglied meiner Kirche und als Christ. Mein innigster Glaube ist, dass man beim Studium der Bibel unbedingt seinen Verstand und seine Erfahrungen mit sich und anderen Menschen benutzen sollte, um die Machtspiele auch in der jungen Kirche und ihre Auswirkungen auf die Texte und ihre Schreiber zu erkennen und zu würdigen. Das Schlimmste, was man tun kann – in meinen Augen nahe an einer Blasphemie, was immer das ist -, wäre, die Bibel für ein mehr oder weniger direktes Diktat oder sogar eine Eigenschrift (die 10 Gebote) Gottes zu halten.

Heute, mit 60, habe ich übrigens eine gute Vorstellung davon, was ich als 16-jähriger bei der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG) gesucht habe: Freundschaft. Geborgenheit. Dazugehören. Anerkennung. Ich habe keine Religion gesucht, keine Gottesbeziehung. Ich habe das auch nicht gefunden, und auch nicht wirklich etwas von den anderen Dingen – wie das wohl meistens so ist in solchen Gruppen. Trotzdem habe ich heute eine Beziehung zu Gott; ich gehe davon aus, dass sie einseitig ist, und rechne nicht damit, dass ER mich bei Gelegenheit mal kontaktiert. Wär mir auch nicht unbedingt angenehm, weil ich vorher noch ziemlich aufräumen müsste.

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